Kennt nicht jeder einen „Georg Müller“?

Als Nadine nach ihren zwei Wochen Urlaub wieder das Büro betrat, sah sie, dass dort ein Mann saß. Natürlich nicht auf ihrem Stuhl, sondern auf dem Praktikanten-Platz. „Guten Morgen, wollten Sie zu mir?“ begrüßte sie den Unbekannten. „Gestatten, Müller – Georg Müller. Ich bin ab sofort in der Firma für den Bereich Marketing / Absatzförderung tätig.“ stellte er sich vor und überreichte ihr seine Visitenkarte:

Wohin du auch gehst, sei immer als erster da“

Reisekaufmann
Fachkraft für Bürokommunikation

stand neben seiner Adresse auf dieser Karte drauf.

Ohne die Karte weiter zu beachten, setzte sich Nadine an ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Während sie ihre Post, welche auf dem Schreibtisch lag, durchlas, musterte sie Herrn Müller unauffällig. Er sah aus wie Ende 40, war etwas korpulent und übertrieben edel angezogen. Daneben schnaufte er etwas, was Nadine auf sein Übergewicht bezog. Immerhin waren sie im ersten Stock und der Mann wohl gerade erst die Treppe heraufgekommen. Diese Vermutung sollte sich allerdings schon bald als falsch erweisen, denn Müller nahm grundsätzlich immer den Fahrstuhl.

Nadine wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn Klaus, ihr Kollege kam gerade mit seiner Kaffeetasse aus der Küche. „Hallo Nadine, wie war Dein Urlaub?“ begrüßte er sie. „Wie ich sehe hast Du Herrn Müller schon kennen gelernt. Er macht zurzeit ein Praktikum bei uns und wird mich bei unserem Clausen-Projekt unterstützen.“ „Er ist Praktikant?“ sie sah den Neuen an, aber er schwieg. Statt dessen sagte Klaus, dass Müller an einem Umschulungs-Praktikum teilnehme.

Nachdem Klaus sich an seinen Platz gesetzt hatte, öffnete Nadine ihr Outlook-Postfach. Genau 254 E-Mails warteten dort auf sie. Nachdem sie ca. 10 Minuten dabei war, diese Nachrichten zu bearbeiten, meldete sich Müller: „Frau Kiefer, was habe ich Ihnen getan?“ Nadine schaute verdutzt auf. „Was meinen Sie?“ Er antwortete: „Sie reden nicht mit mir. Sagen Sie mir bitte, was ich Ihnen getan habe.“ Nadine war sehr verwundert über diese Frage, antwortete ihm aber: „Herr Müller, ich komme gerade aus meinem Urlaub, da muss ich mich jetzt erstmal auf meinen Posteingang konzentrieren und habe so lange keine Zeit für Unterhaltungen, bis ich mir einen Überblick verschafft habe, was noch zu erledigen ist.“ Darauf sagte Müller nichts mehr und starrte auf seinen Bildschirm. Auf diesen starrte er gerne, ohne auch nur eine Bewegung mit der Maus zu tun oder gar die Tasten der Tastatur zu drücken. Er schielte eher in Nadines Richtung und beobachtete sie aus den Augenwinkeln heraus.

Später kam Klaus und gab Georg (in der Firma duzen sich alle) eine Liste verschiedener Firmen mit dem Auftrag, diese zu kontaktieren und Termine zu vereinbaren. Georg rief bei der ersten Firma an und Nadine traute ihren Ohren nicht, als sie hörte, wie er sich vorstellte. „Guten Tag, mein Name ist Georg Müller von der Firma „ville du monde“. Ich bin für den Bereich Marketing zuständig und arbeite an dem Clausen-Projekt. Welche Vorteile dies für Ihre Firma hat, würde unser Mitarbeiter Herr Groß Ihnen gerne in einem persönlichen Gespräch erläutern.“

Für einen Außenstehenden klang dass ja so, als ob er, Georg, der Projektleiter sei und nicht Klaus. Nadine schüttelte leicht den Kopf und schob alles darauf, dass Georg wohl nur vor lauter Angst, als Praktikant gehalten zu werden, sich so meldete. „Es ist immerhin nicht gerade angenehm, wenn sich jemand in seinem Alter als Praktikant am Telefon vorstellen muss“ dachte sie sich.

Am Nachmittag sollte Georg verschiedene Firmen in der Stadt aufsuchen. Es waren Firmen, mit denen „ville du monde“ schon seit Jahren erfolgreich zusammen arbeitete. Er sollte dort einfach nur den neuen Firmen-Flyer abgeben. Noch bevor Müller zurück war, klingelte Nadines Telefon. Frau Kersten von der Firma „Froh & Günstig“ war dran. „Guten Tag Frau Kiefer, ich habe soeben von meiner Mitarbeiterin erfahren, dass Herr Groß wohl nicht mehr bei Ihnen tätig sein soll.“ „Guten Tag Frau Kersten. Was erzählt Ihnen Ihre Mitarbeiterin denn da? Herr Groß ist nach wie vor für unsere Firma tätig.“ Nadine war jetzt etwas verwirrt. Nachdem zwei weitere Kunden mit genau der gleichen Frage anriefen, ging Nadine zu Klaus und erzählte ihm davon. Auch er war ratlos.

Später rief wieder ein Firmen-Kunde an. Er hatte des Rätsels Lösung. Georg Müller stellte sich bei den Mitarbeitern der Firmen als der neue Ansprechpartner für das Marketing vor. Nachdem Klaus und Nadine dies erfahren hatten, stellten sie Müller nach seiner Rückkehr zur Rede. Aber Georg stritt ab, sich so vorgestellt zu haben. Die Firmen-Mitarbeiter müssten da was falsch verstanden haben.

Am nächsten Morgen wollte sich Nadine einen Kaffee machen und ging zur kleinen Küche. Dort stand Georg schon und damit war im Raum kein Platz mehr für eine weitere Person. „Willst Du auch einen Kaffee?“, fragte Georg. Gerne nahm Nadine den Vorschlag an. Doch sie bereute es sofort wieder. Müller hatte Schweißhände und nichts besseres zu tun, als das Kaffee-Pad über eine Minute mit seinen Fingern zu betatschen. Nadine konnte schon fast den Schweiß auf dem Pad erkennen. Doch es war zu spät, sie konnte keinen Rückzieher mehr machen und nahm letztendlich die Tasse entgegen.

Zurück am Schreibtisch begann Georg ein Gespräch, oder besser gesagt einen Monolog: „Ich weiß, dass diese Firma noch jemand für den Bereich Marketing benötigt. Der Chef kann sich aber eine Ausschreibung sparen. Warum soll er sich lange mit der Suche aufhalten, er kann ja MICH haben. Ich bin der perfekte Mann für diese Aufgabe. Diese Firma BRAUCHT mich.“

Nadine musste sich sehr zurückhalten, um nicht laut los zu lachen. War dieser Georg von sich überzeugt! Dabei wusste jeder in der Firma, dass Einsparungen anstehen und die Arbeitsplatz-Anzahl eingefroren wurde. Selbst Katja, die ihre Ausbildung mit 1,8 abgeschlossen hatte, konnte nicht bleiben. Aber Nadine sagte nichts dazu, sondern vertiefte sich in ihre Arbeit.

Später suchte er erneut das Gespräch. Bei seiner alten Firma sei er des Mobbings bezichtigt wurden, aber das stimmte alles nicht, denn die Frau wollte ihn haben, er sie aber nicht. Deshalb sei sie zum Chef gegangen und habe behauptet, er, Georg, würde sie mobben. Da sie noch Zeuginnen nennen konnte, hätte man ihr geglaubt. Nadine sagte nicht viel dazu. Sie wunderte sich eher, warum Georg ohne erkennbaren Grund diese Geschichte erzählte. Wenn wirklich nichts dran war, wieso erzählte er es dann? Kurz vor Feierabend fiel Nadines Blick wieder auf die Visitenkarte von Georg und ihr wurde klar, dass der Spruch „Wohin du auch gehst, sei immer als erster da“ wohl als kleine Vorwarnung zu verstehen war. Damit sollte wohl auf Georgs einnehmendes Wesen hingewiesen werden. Ob ihm diese Deutung des Spruches selbst bewusst war? Wohl eher nicht.

Nach Ablauf der Praktikumszeit waren alle froh, als Georg die Firma wieder verlassen hatte. Denn er wurde von Tag zu Tag anstrengender und merkte dabei gar nicht, dass er sich mit seinem Verhalten selbst Steine in den Weg legte. Er selbst sah es allerdings anders. Es sei ein großer Fehler, ihn nicht einzustellen. Die Firma brauche ihn doch. Nur er habe das Können, damit die Firma weiter existieren könne. Dem Chef würde es noch leidtun, ihn Georg, gehen zu lassen. Aber später brauche niemand zu ihm zu kommen und darum betteln, dass er, Georg, wieder zur Firma zurück kommen solle.

Georgs Praktikum ist mittlerweile zwei Jahre her und die Firma „ville du monde“ existiert immer noch. Über eine Bekannte erfuhr Nadine vor kurzem, dass in deren Firma ein älterer korpulenter Mann ein Praktikum begonnen habe, der (nett ausgedrückt) sehr von sich überzeugt sei.

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