Prinz Alexander

Verwandtschaften und andere Unmöglichkeiten, Teil 1.

Sobald Nadine seinen Namen hört, stimmen ihr Magen und ihre Galle in ein Übelkeits-Konzert an. Und das hinterlässt dann immer einen merkwürdigen, üblen Beigeschmack. Nadine und ALEXANDER teilen sich ganze 25 % ihrer Gene. Einfacher gesagt, sie sind Cousin und Cousine. Für Nadine sind das genau 25 % zu viel. Denn Alexander scheint machen zu können, was er will. Und das auch noch ohne Angst vor irgendwelchen Konsequenzen zu haben. Hört sich unglaublich an, aber es ist die reine Wahrheit.

Alexander begriff schon ganz früh in seinem Leben, dass er immer genau dass bekam, was er wollte. Er musste es nur geschickt anstellen: Ein strahlendes Lächeln mit einem unschuldigen Augenaufschlag und die Familie lag ihm zu Füßen. Naja, fast die ganze Familie. Nadine würde ihm lieber mit IHREM Fuß irgendwo hin treten. Wohin genau, sei der Fantasie des Lesers überlassen.

Für viele Mütter ist es selbstverständlich, mit ihrem Kind gemeinsam zum Babyschwimmen zu gehen, sich in Krabbelgruppen zu treffen und bei schönem Wetter mit ihren Kindern auf den Spielplatz zu gehen. Dies trifft allerdings nicht auf eine bestimmte Mutter zu, SEINE!

Alexanders Mutter ist Expertin im „Cocooning“ und verlässt demnach das Haus nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Im Online-Zeitalter braucht seine Mutter daher kaum das Haus zu verlassen. Laut ihrer eigenen Aussage fühlt sie sich unter vielen Menschen nicht wohl. Der einzige soziale Kontakt spielte sich innerhalb der Familie ab.

So kam es, dass Alexander eines Tages einen regelrechten „Kulturschock“ in seinem jungen Leben bekam. Außerhalb der Familie gab es MENSCHEN, und noch schlimmer: andere KINDER. Diese merkwürdigen Wesen kannte er zwar auch aus dem Wartezimmer des Kinderarztes oder vom Einkaufen, aber dies hier war viel SCHLIMMER: jetzt wollten diese auch noch mit ihm SPIELEN. DAS war zu viel für ihn. Hier war es ja vollkommen unmöglich, dass ER die volle Aufmerksamkeit der Erzieherinnen bekommen konnte. Dagegen musste etwas unternommen werden, und Alexander wusste auch schon, WAS! Er schrie und klammerte sich an seine Mutter, damit sie ihn wieder mit nach Hause nahm. Denn dort war er das Prinzchen, dem jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wurde. Und nicht eines von so vielen Kindern.

Eine andere Mutter hätte dem Kind wohl klar gemacht, dass mit dem Kindergarten eine tolle neue Zeit mit vielen neuen Freunden beginnt. SEINE Mutter jedoch nahm den „armen“ Jungen in ihre Arme und meinte nur zu der Kindergärtnerin: „Mein Sohn ist wohl noch nicht so weit.“ Sofort verlies mit einem zufrieden lächelnden Alexander den Kindergarten. Dies wiederholte sich Woche um Woche um Woche, bis seine Mutter beschloss, dass Alexander nicht wieder in den Kindergarten musste. Beim Abschied von der Kindergärtnerin grinste Alexander triumphierend über das ganze Gesicht. Dem Willen des Prinzen wurde Folge geleistet.

Erfolgreich dem Kindergarten entkommen, stand eines Tages seine Einschulung bevor. Alexander bekam einen coolen Ranzen mit Rennautos drauf. Dazu die passende Schultüte. Auch in der Schule wimmelte es nur so vor „Aufmerksamkeits-Konkurrenz“. Das war für ihn kaum zu ertragen, denn auch hier würde er wieder nur einer von vielen sein. Nach drei Jahren im behüteten Schoß der Familie hatte er dank der Schulpflicht nun keine Möglichkeit zur Flucht.

Aber Alexander war noch nie blöd. Und so sollte ihm das Leben als Schüler keine Probleme bereiten. Sein Wissen bekam er übrigens von Professor Dokter von und zu Fernseher, kurz TV. Denn zu Hause lief rund um die Uhr der Fernseher. Leider zeigte dieser in Alexanders Zuhause selten mal ein pädagogisch wertvolles Programm. Aber egal, seine Eltern hielten ihn ja für sooo SCHLAU. Klar war er das auch, aber anders als seine Eltern vermuteten.

Bald merkte Alexander jedoch, dass das Lernen in der Schule anspruchsvoller war als das gewohnte Fernsehprogramm. Nun bekam er in immer kürzeren Abständen unerklärliche Bauch- oder Kopfschmerzen und konnte zu Hause bleiben. Als sein Lehrer die Mutter darauf ansprach, meinte sie nur, dass ihr Sohn halt sehr sensibel sei. Der Druck in der Schule sei wohl zu viel für den „armen“ Jungen. Die Summe seiner Fehltage blieb immer höher als die Summe seiner Zeugnisnoten. Hier sei nur kurz angemerkt, dass seine Noten sich nicht gerade in der oberen Hälfte der Notenskala befanden.

Seine schulische Laufbahn setzte er in der Gesamtschule fort. Mit jedem Schuljahr jedoch wurden die Fehltage häufiger und statt seiner kamen ständig Entschuldigungsschreiben von seiner Mutter. Mal war er krank, mal hatte das Fehlen familiäre Gründe oder der Himmel war ihm auf den Kopf gefallen. Da bekommt der Begriff „Sterne sehen“ gleich eine ganz neue Bedeutung. Andere Mütter wären glücklich gewesen, wenn ihr Sohn endlich verstanden hätte, wie wichtig die Schule für das Leben ist. SEINE Mutter jedoch, war froh, wenn sie ihren Sohn zu Hause wusste. Zumal die Lehrer ihren sensiblen „armen“ Jungen nur mit dem Lehrstoff quälten.

Etwas hatte Alexander jedoch mit anderen Heranwachsenden gemeinsam. Er stellte verschiedene Dummheiten an. Doch er konnte treiben was er wollte, sobald er seine Mutter oder Großmutter mit seinem „Ich bin unschuldig, man hat mich hereingelegt“-Blick ansah, glaubte jeder ihm ALLES. Da Alexander außer zu seinen Cousins keine Kontakte zur „echten“ Außenwelt pflegte, war es immer einer der Cousins, der die Schuld für die Schandtaten bekam.

Da diese Cousins in ihrer Jugend familiär bedingt ebenfalls keinerlei Kontakte außerhalb der Familie hatten, nahmen diese immer wieder die Schuld auf sich, da man in DIESER Familie zusammen halten soll. Es darf nicht sein, dass man einem Familienmitglied in den Rücken fällt. Laut diesem Familiengesetz wären sie durch ihren „Verrat“ Alexander in den Rücken gefallen und hätten schlimmere Strafen zu befürchten. Zumal sie ja auch einen Unschuldigen verdächtigen würden. Es gab wohl auf der ganzen Welt in dieser Sekunde kaum einen unschuldigeren Schuldigen als Alexander.

Dann kam, wie alle Jahre wieder, das unvermeidbare Weihnachtsfest. Doch es war nicht dieses „normale“ Weihnachten in dieser „normalen“ Familie, zu denen Nadine notgedrungen auch hingehen musste. Nein, es war DAS Weihnachten, an dem Nadine klar wurde, dass Alexander sich unter diesen Bedingungen niemals ändern würde.

Die Großmutter ergriff nach der Bescherung das Wort: „Heute möchte ich noch ein weiteres Geschenk an eines meiner Enkelkinder geben, dass mir in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht hat.“ Alle hielten den Atem an, da Alexanders Schwester die Schule als Jahrgangsbeste und einer der Cousins seine Ausbildung mit „Sehr Gut“ abgeschlossen hatten. Wer würde es wohl sein? Freudestrahlend verkündete die Oma: „ALEXANDER, ich bin so stolz auf Dich, dass Du so lange am Stück in die Schule gegangen bist.“ Hier sei nur angemerkt, dass der mit „so lange am Stück“-Zeitraum gerade mal FÜNF Wochen umfasste.

Am Ende des neunten Schuljahrs verließ Alexander endgültig die Folteranstalt namens „Schule“, ohne einen Abschluss zu haben. Statt sich trotzdem auf die Suche nach einer Ausbildungsstelle zu machen oder eine weitere Schule zu besuchen, nistete er sich zu Hause ein. Sein einziger Kontakt blieben die Cousins, mit denen er chattete, Onlinespiele spielte oder sich gegenseitig besuchte, sofern die Cousins nicht im Ausbildungsbetrieb oder der Berufsschule waren. Aber selbst eine Ausbildung zu beginnen, kam Alexander nie in den Sinn. Seine Mutter? Die war GLÜCKLICH, ihren kleinen Prinzen ganz nah bei sich zu wissen. Warum sollte sie daran etwas ändern wollen?

Hier kommt nun sein Vater ins Spiel, ja, auch er steht wie die Mutter hinter seinem Sohn und hat bisheralle Geschichtengeglaubt. Alexanders Vater hatte eine kleine Firma, die nur aus ihm selbst als Chef, Mitarbeiter und Helfer bestand. Allerdings umschreibt das Wort „Schlappenflicker“ die Firmenphilosophie sehr passend. Alexanders Vater wollte nun, dass sein Sohn ihm in der Firma hilft. Denn wozu sollte sein Sohn auch eine Ausbildung machen? Seine Eltern haben dies auch nicht getan und sie „leben“ doch gut. Hierbei sei nur nochmal kurz an das Cocooning erinnert, denn wenn der Vater nicht auf einer Baustelle war, befand er sich in der „Familie“ und war vollkommen zufrieden mit seinem „Leben“.

Widerwillig tat Alexander dies eine kurze Zeit, bevor er wieder in sein altes Muster zurück fiel und frühestens zu High Noon den Tag begann. Diese Tage verliefen alle nach dem gleichen Muster: Computer an, ab und zu was essen und trinken. Schlafen. Waschen (sich selbst und die Kleidung) hatte Seltenheitswert. Arbeiten? Nö, kein Bock. Ab und an wollte die Mutter mal, dass er aufstehen und seinem Vater helfen sollte. Aber da sie dies in einem weinerlich-flehenden Tonfall machte, dachte Alexander nur: „Alte, rutsch mir doch den Buckel runter“.

Andere Mütter hätten spätestens jetzt ihren Sohn „rausgeschmissen“, um ihn auf den Boden der Tatsachen zu holen, aber nicht SEINE! Man könne den „armen“ Jungen doch nicht zur Arbeit zwingen. Da in den Nachrichten mittlerweile Geschichten von einer „Internet-Sucht“ die Runde machten, entschuldigte die Mutter das Verhalten ihres Sohnes damit. Der „arme“ Junge ist halt süchtig. Doch das war Alexander definitiv nicht! Jeder Arzt hätte das bestätigen können. Wohl deshalb hat Alexander nie einen Arzt aufgesucht. Statt dessen grinste er immer über das ganze Gesicht, schaute mit seinen „unschuldigen“ Augen und betonte immer fleißig, dass er gerne arbeiten WÜRDE, dies aber wegen seiner Sucht gar nicht KÖNNE.

Als wieder eine Familienfeier anstand, vor der auch Nadine sich leider nicht „drücken“ konnte, kam es mal wieder, wie es kommen musste. In geselliger Runde wurde Oma gefragt, was die Enkel denn so machen würden. Speziell Alexander, denn fast jeder hatte Mitleid mit dem „armen“ Jungen.

DAS war zu viel. Nadine konnte nicht anders und platzte heraus: „Was soll DER schon TUN? Er arbeitet NICHTS, liegt mit seinem Arsch (damit war wirklich das menschliche Hinterteil gemeint) zu Hause im Bett und wird von Mama und Papa „durchgefüttert“. Er hat doch alles, was er braucht und das ganz OHNE zu Arbeiten! Der Kühlschrank ist voll, Getränke stehen im Keller und sein Zimmer ist immer schön warm.“

Entsetzt von diesem Wutausbruch nahm Oma ihren Liebling in Schutz. „Das sei sooo ja gar nicht wahr. Wenn er Sonderwünsche, wie eine Cola oder Schokolade hat, muss er seinem Vater auf den Baustellen helfen und sich so das Geld dafür verdienen.“

Mehr muss heute nicht mehr von Alexander erzählt werden. Eine Fortsetzung ist aber nicht ausgeschlossen.

Sicher fragt sich der ein oder andere Leser, warum sich Alexander so erfolgreich vor Arbeit aller Art drücken kann. Hierzu sei gesagt, dass er als U25-jähriger zu Hause wohnt. Das Hartz IV wurde ihm immer weiter gekürzt und ist sozusagen „auf Null gesetzt“. Doch welche Wirkung sollen diese Sanktionen erzielen, wenn der „arme“ Junge doch alles hat. Seine Eltern versorgen ihn „all inclusive“, und das ganz ohne ein farbiges Armbändchen. Warum soll er sich von diesem Service verabschieden?

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