Aloysia und ihr Ehrentag

Verwandtschaften und andere Unmöglichkeiten, Teil 2

„Was habe ich der Welt nur getan, damit ich sooo bestraft werde?“ Theatralisch schüttelte Aloysia den Kopf und fuhr mit lautem Jammerton fort: „Warum nur hat Nadine mir DAS angetan?“ Tochter Uschi nahm ihre Mutter in den Arm. Wie konnte Nadine auch nur so egoistisch sein und nicht zu Aloysias Geburtstag am Donnerstag kommen? Die Enkeltochter könne doch Urlaub nehmen und zu ihr kommen. Doch Nadine faselte etwas von „Urlaubssperre“, irgendwelche Terminarbeiten. Was Besseres ist ihrer Enkeltochter wohl nicht eingefallen.

„Reine Ausrede, Nadine möchte gar nicht zu mir kommen, sie hat irgendetwas gegen mich, dabei habe ich ihr doch nichts getan.“ Aloysia erhob ihre Stimme, damit auch jeder Nachbar mitbekam, wie sehr sie unter der Absage ihrer Enkeltochter litt. Jeder sollte den von Nadine verursachten Schmerz mitbekommen. Aloysia wollte sich einfach nicht beruhigen und setzte sich schnaufend und stöhnend an den Küchentisch. „Das kann ich Dir auch nicht sagen“, meinte Uschi nur und reichte ihrer Mutter ein frisches Taschentuch.

Nach einigen Minuten schlug Aloysias Stimmung ins Gegenteil um. „Nadine kann bleiben, wo der Pfeffer wächst, wenn sie nicht zu mir kommen möchte, sollte sie das ehrlich sagen und mich nicht anlügen!“ Energisch erhob Aloysia sich so heftig von ihrem Stuhl, dass dieser nach hinten kippte und Uschi auf den Fuß fiel. Auf das kurze, leise gesprochene „Au“ der Getroffenen entrüstete Aloysia sich: „Was jammerst Du so herum, ich bin es, dem wehgetan wird.“ Mit gesenktem Blick hob Uschi den Stuhl schweigend auf und schob ihn unter den Küchentisch.

Das melodiöse Klingeln des Telefons durchbrach die Stille, und Aloysia machte sich auf die Suche nach dem Mobilteil des Telefons. Es war ihre zweite Tochter Marita, die sich meldete. Marita entschuldigte sich, dass sie am Donnerstag leider nicht zum Geburtstag kommen könne. Max, ihr Sohn, brauche das Auto, um damit in die Schule zu fahren. Das reichte erneut, um Aloysia aufzuregen. Nein, nein, nein! Keine weiteren Absagen mehr, es reichte!

Da bekam Aloysia eine Idee, die war perfekt. „Du wohnst doch nur um die Ecke. Max kann Dich doch vor der Schule hierher bringen und später wieder abholen kommen. Soo weit weg ist die Schule nun auch wieder nicht. Dann frühstücken wir beide gemeinsam, wäre das nicht schööön?“

In Maritas Kopf lief ein Film ab. Da war Max, der sie zu Aloysia fährt. Macht eine Fahrt von 40 Kilometern, die er auch wieder zurückfahren müsste, plus weitere 20 Kilometer bis zur Schule. Dann von der Schule nachmittags wieder diese 60 Kilometer zur Wohnung von Aloysia und irgendwann wieder zurück nach Hause. Ist doch alles nur ein Katzensprung von 200 Kilometern, also nichts Besonderes.

„Marita, was ist, Du sagst ja gar nichts. Also geht es in Ordnung? Welche Marmelade soll ich besorgen? Brötchen oder sind Dir Croissants lieber?“, unterbrach Aloysia Maritas Gedanken. Diese wiederum versuchte, Aloysia zu erklären, dass ein Besuch am Samstag weniger stressig sei und so auch Max mit dabei wäre. Marita hörte regelrecht, wie Aloysia überlegte. Schließlich schien es eine Alternative zu geben. „Muss Max unbedingt in die Schule? Es ist doch nur die Berufsschule, Da kann man ruhig mal einen Tag fehlen.“ Dieser Vorschlag war einfach perfekt. Jedenfalls in Aloysias Augen.

Am anderen Ende der Leitung sorgte diese geniale Idee jedoch erst mal für Fassungslosigkeit. Doch selbst dieser Vorschlag wurde von Marita abgelehnt, und das Telefonat endete damit, dass man sich für samstags verabredete. Aloysia konnte das aber nicht verstehen. Immerhin hatte sie Geburtstag, und die Familie hat an diesem Tag anwesend zu sein. Aber nein, andere Dinge waren wichtiger, als ihren Ehrentag gemeinsam mit ihr zu feiern.

Nachdem Aloysia das Telefon auf die Anrichte legte, wandte sie sich an Uschi: „Und DU, Du wirst am Donnerstag da sein! Genauso wie Dein Mann und MEINE Enkel! Ist das klar?“ Eingeschüchtert von Aloysias Tonfall antwortete Uschi: „Natürlich Mama, wir sind doch immer für Dich da und kommen zu Deinem Geburtstag. Auch ohne die Anderen wird es ein schöner Tag werden.“ Und es würde ein schöner Tag werden – Sie würde schon Marita und Nadine wissen und bereuen lassen, dass sie DAS Highlight des Jahres verpasst zu haben. Und das wird ohne Zweifel Aloysias 77. Geburtstag am Donnerstag sein.

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